Motive ehrenamtlicher VorleserInnen

Seit mehr als 13 Jahren organisiert die Initiative Lesewelt Berlin e.V. regelmäßig Vorlesestunden für Kinder in ganz Berlin. Rund 200 ehrenamtliche Vorleserinnen und Vorleser lesen pro Woche in 48 öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken, Schulen oder Kindertagesstätten vor. Ziel ist, die Freude am Lesen zu wecken, das Lesen lernen zu erleichtern und die Sprachkenntnisse zu verbessern.

Dr. Ulrich Mai, emeritierter Professor der Soziologie der Fakultät für Soziologie der Uni Bielefeld, jetzt wohnhaft in Berlin, engagiert sich im Verein Lesewelt Berlin e.V.  In einer empirischen Studie hat er nach soziologischen Methoden untersucht, welche Motive Leute dazu bewegen, in ihrer Freizeit vor Kindern zu lesen. Dazu führte er Interviews mit VorleserInnen einer repräsentativen Stichprobe durch und verfasste das Essay „Lesewelt Berlin: Motive ehrenamtlicher Vorleser und Vorleserinnen“.

Die wichtigsten Ergebnisse hinsichtlich Biographie und Lebenssituation der Vorlesenden formulierte er so:

Die typische Vorleserin ist weiblich, hat einen bürgerlichen Hintergrund mit entsprechender Sozialisation, hat eigene erwachsene Kinder und befindet sich im (Vor-)Ruhestand. Die meisten haben ein klares Bild vom Lesen als kulturelle Kompetenz und vom Buch als Medium des individuellen Rückzugs, gleichzeitig sozialer Kommunikation und  Integration.

In Bezug auf ihre Persönlichkeitsmerkmale und Kompetenzen ergab seine Untersuchung Folgendes:

Die typische Vorleserin ist – trotz fortgeschrittenen Alters – ausgesprochen aktiv, willensstark, flexibel und kontaktfreudig: Eigenschaften, mit denen, zumal sinnstiftend, der drohenden Vereinsamung im Alter begegnet werden kann. Die meisten haben anhaltend Lust am Lesen und wissen dies auch an die Kinder weiter zu vermitteln. In diesem Sinne wollen sie sich in der Zivilgesellschaft einbringen und Verantwortung übernehmen. Diese altruistische Bereitschaft schließt freilich die Freude über Anerkennung nicht aus.

VorleserInnen sind zudem nicht nur kinderlieb, sondern zeigen eindrucksvolle soziale Kompetenzen im Umgang mit den Kindern: neben didaktisch-methodischer Sensibilität sind sie i.d.R. gut informiert über die sozialen Probleme des Einzugsbereiches, den sozialen Hintergrund der Kinder und leisten oft auf dieser Grundlage einen Beitrag zur sozialen Integration von Migrantenkindern. Einige VorleserInnen offenbaren gar in ihrem Engagement außerhalb des eigentlichen Vorlesens durchaus Teilkompetenzen von Sozialarbeitern.

Schulbibliotheken arbeiten oft mit Ehrenamtlichen zusammen und wissen ihr Engagement zu schätzen. Ihre Motive und biografischen Hintergründen zu kennen, kann helfen, effektiv und dauerhaft mit ihnen zu kooperieren.

Die vollständigen Ergebnisse der Untersuchung von Dr. Ulrich Mai finden Sie hier.

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