Langzeitstudie über Berliner Schulbibliotheken veröffentlicht

Dr. Karsten Schuldt hat seine Langzeitstudie zu Berliner Schulbibliotheken 2008-2017 veröffentlicht. Gerne verlinke ich hier den Beitrag von Kathrin Reckling-Freitag auf ihrem Blog „Zwischenseiten„.

Karsten Schuldt und Sabine Wolf haben 2011 das „Praxisbuch Schulbibliotheken“ in erster Auflage veröffentlicht. Im Juli 2010 besuchten die Autoren die SBA Treptow-Köpenick und drei Schulbibliotheken in diesem Berliner Bezirk und lernten die Mitarbeiter der Schulbibliotheken in der Emmy-Noether-Schule (Gymnasium), der Schule an den Püttbergen (Grundschule) und der Uhlenhorst-Schule (Grundschule) kennen. Alle drei Schulbibliotheken gibt es noch heute. Am Emmy-Noether-Gymnasium gab es 2012 einen Personalwechsel, weil die Mitarbeiterin leider wegen einer schweren Erkrankung ausschied. Eine langfristige Stellenfinanzierung gab es bisher nicht, aber die Schulen versuchen über Honorarverträge ihre guten Fachkräfte zu halten. Wir haben keine Lösung.

Erinnerungen kommen. Noch immer stimmt mein Zitat aus diesem Buch: „Die Erfahrungen der sba sind gemischt. Mehrere angestoßene Schulbibliotheken wurden wieder geschlossen, alle anderen mussten zeitweise um ihre Existenz kämpfen. „Man darf nie aufgeben. Man muss hier auch an Wunder glauben“, sagt Simone Frübing, die die sba leitet. Die jetzt existierenden Schulbibliotheken sind gut in den Schulen etabliert, an der Gründung neuer Einrichtungen und Fortbildung neuen Personals wird gearbeitet.“ (S.44/45) Als ich das las, saß ich gerade in der S-Bahn nach Erkner und verpasste es auszusteigen. Öffentlich über die eigene Arbeit zu lesen, fühlte sich richtig an, aber die Entwicklung ist so rasant. Die AGSBB wurde im April 2010 gegründet und die Vernetzung der Gründungsmitglieder brachte schnell Fortschritte und den Blick für das breite Potenzial, das in Berlin und in der Region an Fachwissen und Praxiserfahrungen vorhanden ist.

Karsten Schuldt berichtet über 260 Schulbibliotheken (Stand: April 2017) in Berlin, davon an 174 Grundschulen, 41 Integrierten Sekundarschulen und 43 Gymnasien. Da nicht alle Schulbibliotheken eine aktuelle Homepage führen, werden es mehr Schulen sein.

Anlässlich der Preisverleihung zum Wettbewerb „Berliner und Brandenburger Schulbibliothek des Jahres 2017“ haben wir versucht, die Zahlen nachzuweisen. Ich bitte alle Verantwortlichen bei Interesse, die Zahlen und die Schulen mit uns für die Bezirke zu prüfen.

Karsten Schuldt nennt seine Studie: „Vom Werden und Vergehen der Bibliotheken in Berliner Schulen – Die Entwicklung der Schulbibliotheken in Berlin 2008-2017 und Konsequenzen für Forschung und Bibliothekspolitik“. Es beinhaltet auch ein Kapitel zur Arbeit der AGSBB.

In These 6 heißt es: „Die neue Literatur zu Schulbibliotheken, die Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg sowie die Stelle für schulbibliothekarische Arbeit in Treptow-Köpenick werden sich in einer steigenden Anzahl von Schulbibliotheken in Berlin sowie in Schulbibliotheken, die sich eher am „bibliothekarischen Modell“ orientieren, niederschlagen.“ Diese These wurde laut Schuldt widerlegt.

Hier kommen die Zahlen vom Wettbewerb und die Anzahl der Schulbibliotheken, die der AGSBB e.V. bekannt sind, nach Bezirken geordnet:

95 Schulen und 128 Teilnahmen an den AGSBB-Wettbewerben 2011, 2013, 2015 und 2017 davon aus

Charlottenburg-Wilmersdorf 10 (11), Friedrichshain-Kreuzberg 11 (16), Lichtenberg 1 (1), Marzahn-Hellersdorf 3 (4), Mitte 6 (8), Neukölln 6 (6), Pankow 12 (17), Reinickendorf 5 (7), Spandau 7 (7), Steglitz-Zehlendorf 8 (11), Tempelhof-Schöneberg 8 (12) und Treptow-Köpenick 18 (28).

Insgesamt wurden 245 Berliner Schulen mit Schulbibliotheken (Stand 1.7.2017) von der AGSBB erfasst: davon in

Charlottenburg-Wilmersdorf 22 , Friedrichshain-Kreuzberg 26, Lichtenberg 11, Marzahn-Hellersdorf 17, Mitte 19, Neukölln 25, Pankow 20, Reinickendorf 11, Spandau 18, Steglitz-Zehlendorf 20, Tempelhof-Schöneberg 20 und Treptow-Köpenick  36.

Preisträger des Titels „Berliner Schulbibliothek des Jahres“ sind

2011 – Lenauschule (Friedrichshain-Kreuzberg), 2013 – Halensee-Grundschule (Charlottenburg-Wilmersdorf), 2015 – Thomas-Mann-Grundschule (Pankow), 2017 – Ernst-Adolf-Eschke-Schule, Förderschule für Gehörlose (Charlottenburg-Wilmersdorf).

Sonderpreise gingen 2011 an das Kant-Gymnasium (Lichtenberg) und die Adolf-Glaßbrenner-Grundschule in Friedrichshain-Kreuzberg, 2013 – an das Archenhold-Gymnasium (Treptow-Köpenick) und die Nürtingen-Grundschule (Friedrichshain-Kreuzberg), 2015 – an das Rosa-Luxemburg-Gymnasium (Pankow) und das Victor-Klemperer-Kolleg (Marzahn-Hellersdorf), 2017 an die Adolf-Glaßbrenner-Grundschule (Friedrichshain-Kreuzberg), die Hans-Fallada-Grundschule (Neukölln), das Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium (Treptow-Köpenick) und die Leo-Lionni-Grundschule in Mitte.

Karsten Schuldt kommt zu folgendem Fazit (S.25):

„In diesem Text wurde ein Projekt zur Entwicklung der Anzahl von Schulbibliotheken in Berlin und ihrer Verteilung über die verschiedenen Schulformen vorgestellt. Das Projekt basierte auf Thesen, die inhaltlich von der restlichen bibliothekarischen Literatur über Schulbibliotheken abweicht.

Das Projekt konnte zeigen, dass mit einer realistischen Betrachtung der Situation von Schulbibliotheken viele ihre Entwicklungen vorhergesagt werden können. Vor allem aber zeigte sich, dass die Entwicklung von Schulbibliotheken in Berlin und damit wohl auch grundsätzlich in Deutschland – obwohl es zum Beispiel in Bayern und Rheinland-Pfalz mehr sichtbares Engagement des öffentlichen Bibliothekswesens gibt – vor allem von den Schulen selber und der Schulpolitik beeinflusst werden, nicht von bibliothekarischen Vorstellungen. Sie müssen als eigenständiger Bibliothekstyp verstanden werden.

Ein wichtiger Punkt, der durch das Projekt klar wurde, ist, dass jedes Nachdenken darüber, ob und wie Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken aufeinander zu beziehen sind, ob und welche Unterstützung geleistet werden kann oder soll, auch welche Fragen zum Beispiel in immer wieder neu angegangenen Abschlussarbeiten bibliothekarischer Ausbildungsgänge über Schulbibliotheken gestellt werden, sich nicht mit Vorhersagen oder Momentaufnahmen begnügen sollten, sondern versuchen sollten, die Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Schulbibliotheken mit einzubeziehen.

Zudem zeigte das Projekt, dass es ausserhalb des Bibliothekswesens allein in Berlin hunderte, wenn nicht tausende Menschen gibt, die sich in den letzten Jahren in der ein oder anderen Weise für Schulbibliotheken engagiert haben müssen. Es ist zu vermuten, dass Ähnliches auch für die anderen deutschen Bundesländer gilt. Es wäre gut, die Erfahrungen, Vorstellungen und vielleicht auch Enttäuschungen dieser Personen irgendwie sichtbar zu machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass vor allem im Bibliothekswesen weiterhin die gleichen Vorstellungen über Schulbibliotheken reproduziert werden, die offenbar wenig Einfluss auf deren Realität haben.“

Ich hatte ein längeres Gespräch mit Karsten Schuldt Ende Mai/Anfang Juni 2017 auf dem Bibliothekartag in Frankfurt. Er war bei der Besichtigung der SBA Frankfurt am Main dabei. Einen wichtigen Fakt hat er in seiner Studie meiner Meinung nach übersehen. Seit Herbst 2013 gibt es mit Dagmar Wilde eine pädagogische Ansprechpartnerin für Angelegenheiten der Berliner Schulbibliotheken in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Das ist einmalig für Deutschland, dass die Bildungsverwaltung für zwei Bundesländer die Schulbibliothek als Teil der Schule sehen und dort mitgedacht werden soll. Das Lesecurriculum des LISUM veranschaulicht dies in den Säulen. Das Grußwort auf der Preisverleihung haben wir veröffentlicht und als AGSBB-Vorstand haben wir schon mehrere Großprojekte mit der SenBJF geplant und durchgeführt, z.B. die Veranstaltungen mit dem LISUM und das ekz-Seminar „Medienkompetenz entwickeln mit der (Schul-)Bibliothek im September 2015„.

Ich danke an dieser Stelle Karsten Schuldt für die Durchführung und Umsetzung seiner Studie, die unsere Zahlen bestätigt hat. Ohne viele Worte ist die Arbeit der SBA Treptow-Köpenick, verwaltet im Schulamt seit 2008, hier sichtbar und ich danke für die jahrelange Unterstützung und seine Neugier für die Entwicklung der Schulbibliotheken. Erst mit der AGSBB als eingetragener Verein konnte auch die Öffentlichkeitsarbeit der SBA Treptow-Köpenick und die weitere Vernetzung im Land sichtbar gemacht und viel Beratung in der Region von einem großen Team ehrenamtlich geleistet werden. Es wird höchste Zeit, dieser Unterstützung eine neue Heimat mit einer SBA Berlin zu geben. Dazu ruft das aktuelle Paper der AGSBB e.V. auf, Lösungen für die Berliner Schulbibliotheken anzubieten und das Rad nicht zum tausendstem Mal neu zu erfinden. Zusammenarbeit aller Partner mit klaren Rollen ist gefragt, um allen Schulen eine gut ausgestattete und personell besetzte Schulbibliothek zu ermöglichen und trotzdem die Vielfalt und Selbstständigkeit in der Berliner Schullandschaft zu erhalten.

Gerne geben wir weitere Vorschläge zum Thema hier an die Leser weiter. Schreiben Sie an uns und diskutieren wir gemeinsam über alle Fragen, die die Schulbibliotheken stärken.