Die Potentiale der Schulbibliothek

Unser Kind liebt sie und will auch Bibliothekarin werden …

Drei Vorstandsmitglieder der AGSBB waren am 5. März 2014 von der Plattform Kulturelle Bildung Brandenburg zu einem Workshop „Bibliotheken als Lernorte“ in Lübbenau eingeladen worden. Die Stellvertretende Vorsitzende Sabine Wolf hielt den einführenden Vortrag „Die Potentiale der Schulbibliothek: vom Leseort zum Lernort“. Hier der Wortlaut:

Die Potentiale der Schulbibliothek: vom Leseort zum Lernort

Wenn ich an die Potentiale der Schulbibliothek denke, fallen mir spontan sehr viele ein: Angefangen von Informationskompetenz, Schüler, Lehrer, Eltern, Welttag des Buches, Lesenächten über Lernort bis hin zum Networking war alles dabei.

Wolf_Vortrag_Luebbenau

Sabine Wolf im Kulturzentrum „Gleis 3“ in Lübbenau

Um dieses Feld ein wenig einzugrenzen, möchte ich mich diesem Thema aus drei verschiedenen Sichtweisen nähern:

  • Aus der Sicht einer Besucherin,
  • aus der Sicht einer Bibliothekarin und
  • aus der Sicht des AG-Vorstandes.

Doch zu allererst: was bedeutet eigentlich „Potential“ genau? Potential bedeutet „Leistungsfähigkeit“ (nach dem Duden), oder auch „Fähigkeit zur Entwicklung; eine noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit zur Kraftentfaltung“ (nach Wikipedia).

Also in beiden Fällen eine Fähigkeit, eine Möglichkeit etwas zu tun.
Welche Fähigkeiten und Möglichkeiten besitzen Schulbibliotheken also?

Zuallererst: Die Sicht der Besucherin

Meine Tochter geht regelmäßig in die Schulbibliothek Ihrer Schule. Die Schulbibliothek ist Teil der Schule, sie ist mittendrin. Die Bibliothek hat an 3 Tagen geöffnet. Ein Nachmittag ist nur für Veranstaltungen geöffnet, an einem Tag hat sie zu, um Ausfälle im Bibliotheknetz unserer Gemeinde auffangen zu können.

Frau Prahl, eine ausgebildete FaMI, bildet sich regelmäßig fort, die von ihr durchgeführten Veranstaltungen sind jedes Mal ein Knaller und schnell ausgebucht.

Sie arbeitet eng mit dem Hort und der Schule zusammen – kaum ein Kind, welches in der ersten Klasse keinen Ausweis sein Eigen nennt, wenn es dann den Bibliotheksführerschein macht und lernt die Bibliothek auch für die Schule und die Hausaufgaben zu nutzen.

Auf Schulfesten wird unsere Bibliothekarin begeistert begrüßt und auch bei unseren jährlichen Gemeindeveranstaltungen bietet sie immer ein Programm an.

Alle Eltern und Kinder kennen sie, unser Kind liebt sie und will auch Bibliothekarin werden.

Die Potentiale hier:

Ein sehr enger Kontakt zu den Kindern (und Eltern) von früh an, ein niedrigschwelliges Angebot, welches von Kindern bequem während der Schulzeit genutzt und auf welches kontinuierlich durch Veranstaltungen immer wieder hingewiesen wird.

Punkte, die erst einmal auf viele Schulbibliotheken zutreffen.

Hinzu kommt hier eine sehr gut fachlich ausgebildete Mitarbeiterin, die zum Lehrerkollegium und der Schule dazugehört, den Kontakt zum Hort und anderen Öffentlichen Schulbibliotheken in Oberhavel pflegt und fit in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist.

Die Sicht der Bibliothekarin

Wenn ich als Bibliothekarin an die Potentiale der Schulbibliothek denke, fallen mir zuerst Medienkompetenz, Informationskompetenz, Lesekompetenz ein.

Um diese Potentiale realisieren zu können, müssen Schulleitung und Bibliotheksmitarbeiter zuallererst um die Rolle der Schulbibliothek wissen. Plane ich meine Schulbibliothek eher als Informationszentrum, an dem Schüler lernen sich Informationen zu beschaffen, Informationen zu bewerten, an dem sie informationskompetent werden können? Als Ort, an dem die Schüler mit unterschiedlichen Medien in Berührung kommen? Oder als Lern-Lese-Raum mit dem Ziel, die Schüler zum Lesen zu animieren, an dem sie ihre Lesekompetenz aufzubauen und verbessern können?

Eine Schulbibliothek vermag es kaum, alle Rollen innezuhaben und ausfüllen zu können.

Denn jede dieser Rollen beinhaltet andere Bedingungen was Öffnungszeiten, Bestand, Ausstattung und Veranstaltungen angeht.

Darum ist an dieser Stelle die Konzentration auf eine Rolle so wichtig und dass diese Schritt für Schritt eingenommen wird – dies gelingt, wenn die Schulbibliothek und das Personal dabei professionell vorgehen.

Stichwort Personal: auch an dieses werden dann entsprechende Bedingungen gestellt.

Ein Bibliotheksmitarbeiter, der sich für die Schulbibliothek entschieden hat, weil er so gerne liest, und unter Büchern ist, wird hier an seine Grenzen stoßen.

Mir fällt aber auch noch der „Blick über den Tellerrand“ – meint hier: das Netzwerken.

Auch das Netzwerken bietet ein großes Potential für Schulbibliotheken. Professionalität entsteht nämlich nicht allein dadurch, dass man allein in seinem Kämmerlein hockt, sondern in dem der rege Austausch mit anderen gesucht wird, indem auch außerschulische Kooperationen eingegangen werden.

Wie z.B. mit einer ÖB. Ich habe in diesem Jahr erneut eine Bachelorarbeit betreut, die genau dies zum Thema hatte. Die Kooperation zwischen einer Schulbibliothek und der nahen Öffentlichen Bibliothek. Beide können gut zusammenarbeiten, es gibt viele dieser erfolgreichen Partnerschaften, die auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages aufgebaut werden.

Eines Vertrages, der klar die Ziele und Zuständigkeiten regelt.

Und an dieser Stelle sehe ich auch die Kooperation mit anderen Schulbibliotheken und mit der AGSBB als sehr wichtig an.

Anfangs war ich skeptisch, wenn es um Schulbibliotheken ging, noch skeptischer, als sich so etwas wie eine Arbeitsgemeinschaft formierte. Schulbibliotheken kamen in meinem bibliothekarischen Leben bisher kaum vor, wenn, dann als Konkurrenz zu unserer ÖB.

Mittlerweile sind viele Jahre seit meinem Erstkontakt vergangen. Seit unserem ersten Schulbibliothekstag 2008 in Potsdam. Seit diesem Jahr wächst unser Netzwerk kontinuierlich.

Derzeit gehören knapp 100 Schulbibliotheken zu unseren Mitgliedern, hinzukommen 16 Institutionen. Meine anfängliche Skepsis ist verflogen, seit dem ich um die Professionalität unseres Teams weiß.

Unser Team, bestehend aus Lehrern, Bibliothekaren und zahlreichen ehrenamtlichen Unterstützerinnen unterschiedlicher Professionen, gibt Schulbibliotheken wichtige Impulse zu unterschiedlichen Facetten der erfolgreichen Schulbibliotheksarbeit.

Und auch für uns gehört Netzwerken dazu. Wir wiederum bauen wichtige Beziehungen zu anderen Akteuren der Kultur- und Bildungslandschaft auf. Wie z.B. auch zu der Plattform Kulturelle Bildung.

Von diesen wichtigen Kontakten wiederum profitieren unsere Mitglieder.

Lassen Sie mich jetzt zur letzten Sicht auf Schulbibliotheken kommen – der Sicht als AG-Vorstand.

Vieles haben wir in den letzten Jahren erreicht. Nicht nur durch unsere jährlichen Veranstaltungen haben wir die Schulbibliotheken wieder mehr in das öffentliche und politische Bewusstsein gerückt.

Was nötig war und was wir auch weiterhin tun werden!

Denn wenn ich mir die Schulbibliothekslandschaft in Brandenburg so anschaue, dann sehe ich zwar, dass viele Schulen in der Schuldatenbank als Ausstattungsmerkmal „Schulbibliothek“ angegeben haben, aber nur bei einem sehr geringen Teil ist die SB tatsächlich im Schulleben angekommen.

Da werden auf der Homepage der Schule zwar die neuen Tischtennisplatten, der Frühjahrsputz und die Hausmeister und Putzfrauen vorgestellt aber nicht die eigene Schulbibliothek…

Und wenn ich mit Mitarbeiterinnen spreche, und nach dem Grund frage, dann höre ich oft „Da hat keiner Zeit für, ist ja eh nur die Schulbibliothek!“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ginge, wenn Sie so etwas hören würden – mich macht so etwas wütend.

Da wird seit Jahren immer wieder betont, wie wichtig Bibliotheken seien und dass das lesen und verstehen eines Textes auch für die Digital Natives von großer Wichtigkeit ist und dann gibt es Leute, die eine Schulbibliothek aufbauen, Zeit investieren, erfinderisch sind, wenn es um den Bucherwerb geht und sich überlegen, wie sie die Schüler animieren können in und mit der Bibliothek zu arbeiten – und dann werden genau diesen Mitarbeitern Steine in den Weg gelegt.

Sie werden nicht erwähnt, Ihre Tätigkeit bleibt unsichtbar. Zu unwichtig?

Sicherlich, viele Schulbibliotheksmitarbeiterinnen und Mitarbeiter verhalten sich dementsprechend. Sie halten nur den nötigsten Kontakt zum Lehrerkollegium und zur Schulleitung und präsentieren kaum ihre Arbeitsergebnisse.

„Wat soll ick hier machen? Nen Jahresbericht? Ick weeß gar nicht wie dit geht!“ O-Ton einer Mitarbeiterin.

Aber wenn eine Schulbibliothek mehr als eine bloße Büchersammlung sein will, wenn sie sich in Richtung Lernort entwickeln will, dann wird sich auch die Rolle des Bibliotheksmitarbeiters verändern müssen:

  • Weg vom bloßen Büchersammler hin zum Bibliothekslotsen, der den Schülern hilft durch entsprechende Veranstaltungen bibliothekskompetent zu werden, sie nutzen zu können
  • Weg vom „Gerneleser“ hin zum Netzwerker, der vertrauensvoll mit den Lehrern der Schule zusammenarbeitet und gemeinsam mit ihnen Ideen entwickelt, wie Unterricht in der Schulbibliothek aussehen könnte
  • Weg von der „Grauen Bibliotheksmaus“ hin zu einem aufgeschlossenen Bibliotheksmitarbeiter, der auch mit außerschulischen Partnern zusammenarbeitet und sich durch diese inspirieren lässt.

Aber auch die Schulleitung muss aktiv werden. Sie sollte:

  • mehr Interesse für die Schulbibliothek und die Mitarbeiter zeigen, muss sie unterstützen, auch die Teilnahme an Fortbildungen anregen
  • geeignetes Personal einstellen, Auswahlgespräche führen
  • muss Lehrer dazu ermuntern die Schulbibliothek mit ihren Klassen zu besuchen, sich Materialien für den Unterricht bereitstellen zu lassen, mit dem Schulbibliotheksteam gemeinsam Konzepte für den „Lernort Schulbibliothek“ zu entwickeln
  • und im Sinne von „Der Raum als dritter Pädagoge“: muss Räumlichkeiten für eine geeignete Nutzung schaffen

Dann können Schulbibliotheken ihr größtes Potential entfalten – ihr Potential als Unterrichtsort, als Lernort!

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle zwei unterschiedliche Schulbibliotheken kurz vorstellen, die sich als Lern- und Leseort begreifen:

Als erstes die Berliner Schulbibliothek des Jahres 2013, der Lesefisch aus Berlin-Halensee:

Das Schulbibliotheksteam bietet den Lehrern Medienkisten zu Unterrichtsthemen, und Klassensätze an, mit einer Bibliotheksrallye lernen die Schüler, ihre Bibliothek zu nutzen. Lesekinder unterstützen leseschwache Schüler beim Lesen. Hinzu kommen Veranstaltungen wie „Bücher im Wind“ (Aktion der Stiftung Lesen) oder ein Plakate-Wettbewerb, bei dem Schüler Werbe-Plakate für die Schulbibliothek gestalten sollten. Die Lehrer werden durch das regelmäßig stattfindende Lehrercafe nach der 7. Stunde zum Stöbern in die Bibliothek eingeladen. Bei Kaffee und Kuchen können dann Projekte und Aktionen mit dem Lesefischteam besprochen werden.

Eine weitere Schulbibliothek, die dieses Jahr auch einen großen Schritt in Richtung Professionalität getan hat, ist das Werner von Siemens Gymnasium in Berlin.
Am 22. Januar wurde die neue Schulbibliothek, der Learning Space, also der Lernraum, feierlich eröffnet. In seiner Rede sagte der Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, dass für Lernleistungen auch die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Recht hat er, das tun sie an dieser Stelle!

Hier wurde ein Ort geschaffen…

  • an dem Schüler und Lehrer gemeinsam kreativ sein können und auf unterschiedliche Informationsquellen zugreifen können
  • Ein Ort, an dem Erfahrungen mit verschiedenen Medien gemacht und vertieft werden können
  • Ein großer, heller Raum, eine Umgebung , die zum Lernen anregt und wo gemeinsam neues Wissen geschaffen wird.
  • Ein Ort, der sich durch sein flexibles Mobiliar den wechselnden Raum- und Lernszenarien anpasst

Bei beiden Schulen sehe ich ganz klar die Zukunft von Schulbibliotheken. Die Schulbibliothek als moderner Lernraum, als Learning Space – mitten in der Schule.

Fazit

Eine Schulbibliothek besitzt sehr viele Möglichkeiten und Fähigkeiten etwas zu tun, ich konnte Ihnen hier nur einen kleinen Ausschnitt präsentieren.

Egal wieviel Literatur zu Schulbibliotheken ich lesen, wie viele Bachelorarbeiten ich betreue und mit wie vielen Mitarbeiterinnen ich spreche: alle kommen immer wieder auf die folgenden Erfolgsfaktoren für gute Schulbibliotheken zurück:

1. die Unterstützung durch die Schulleitung und die Lehrerschaft
2. die Öffnung nach außen, der Erfahrungsaustausch
3. die fachliche Eignung des Personals.

Wenn diesen Erfolgsfaktoren Beachtung geschenkt wird, dann kann aus einer Schulbibliothek eine erfolgreiche Schulbibliothek, ein Lernort, werden.

Ich weiß, dass die vielen Ideen oft nicht leicht zu realisieren sind und oft auch ganz schnell als unrealisierbar abgetan werden. Richtig: Schulbibliotheksmitarbeiter müssen oft einen langen Atem haben. Ohne viel Engagement – ohne Ihr Engagement – passiert da nichts.

Aber es gibt Schulbibliotheken, die es geschafft haben ihre Vision Wirklichkeit werden zu lassen und an diesen sollten auch Sie sich orientieren.

Wir von der AGSBB möchten Ihnen unsere Unterstützung anbieten – kommen Sie auf uns zu, gemeinsam erreichen wir mehr!

„Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt“ – lassen Sie uns diese heute gemeinsam beginnen.

Wir freuen uns darauf!

5 Replies to “Die Potentiale der Schulbibliothek”

  1. Liebe Bettina,
    schön, dass ich hier so motivierend tätig sein konnte – freue mich schon über weitere Berichte!!

  2. …vielen Dank in dem Artikel sind umassend alle Aspekte meiner Schulbibliotheksarbeit der
    letzten 20 Jahre dargestellt.
    Ich bin jezt in Rente und kann meine Erfahrungen beim Aufbau von Schulbibliotheken weitergeben.

  3. Liebe Frau Blum-Heckmann, vielen herzlichen Dank für den Hinweis, die „Teilen“ Funktion geht wieder.

  4. Liebe Sabine Wolf,
    dieser Vortag spricht mir aus dem Herzen und er hat bewirkt, dass ich nochmal neu versuchen werde das Kollegium unserer Schule zu aktivieren, um unseren ja schon gut funktionierenden Lesekeller als Bildungsort wirklich wahr- und ernstzunehmen,
    Herzlichen Dank für den Anstoss, der nach 5 Jahren Arbeit in der Schulbibliothek für mich sehr nötig ist.
    Herzliche Grüße Bettina Braun-
    Lesekeller der Adolf-Glaßbrenner-Grundschule

  5. Ich kann nur voll und ganz zustimmen! In Gütersloh/NRW haben wir an 9 weiterführenden Schulen Mediotheken mit Fachpersonal – und nur so kann es auch funktionieren.
    Ich wollte diesen sehr guten Artikel per Mail teilen, fliege aber ständig raus! Kann das bitte repariert werden?

Die Kommentare sind geschloßen.