Ideen zur Schaffung zentraler Dienstleistungen für Berliner Schulbibliotheken

Gibt es Chancen für eine Berliner schulbibliothekarische Arbeitsstelle? Welche Dienste muss sie erbringen?

Seit einigen Monaten wird in Berlin ein Projekt vorbereitet, das die Schaffung zentraler Dienstleistungen für Berliner Schulbibliotheken zum Ziel hat. Darüber berichtete Frau Dr. Charlotta Hardtke-Flodell, Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), in ihrem Workshop auf dem 4. Berlin-Brandenburger Schulbibliothekstag im September 2012. Noch ist nicht entschieden, ob das Projekt jemals realisiert wird. Doch die Planungen sind weit vorangeschritten.

Expertengruppe „Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA)“

Auf Initiative von Frau Dr. Hardtke-Flodell bildete sich 2011 eine Expertengruppe „Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA)“, in der VertreterInnen der 12 Bezirksbibliotheken, der ZLB und später auch der AGSBB über Möglichkeiten der Unterstützung von Schulbibliotheken berieten. Dabei konnten sie zwar einerseits auf positive Erfahrungen mit bestehenden Angeboten wie z.B. dem Sprach- und Leseförderprogramm Kinder werden wortstark zurückgreifen. Andererseits sind die Öffentlichen Bibliotheken (ÖBs) seit Jahren heftigen Sparmaßnahmen unterworfen, sodass ihnen oft schon die Realisierung ihrer Grundaufgaben schwerfällt. Auch Schließungen von Bibliotheken stehen weiterhin auf der Tagesordnung. In diesem Kontext über eine Ausweitung der Aufgaben und die Förderung von Schulbibliotheken nachzudenken, ist sicherlich nicht leicht, sondern erfordert Weitsicht und berufliches Engagement.

Wie dringend eine Unterstützung der Schulbibliotheken durch die Öffentlichen Bibliotheken gebraucht wird, zeigte eine im Januar 2012 durchführte Befragung der AGSBB-Mitglieder. Die Auswertung erbrachte eindeutig, dass die meisten Schulbibliotheken sich eine intensive Zusammenarbeit mit den ÖBs wünschen. Sie versprechen sich davon bibliotheksfachlichen Wissenstransfer, gemeinsame Projekte und Zugriff auf einen erweiterten Medienbestand.

Hintergrund dieses Kooperationswunsches ist die besondere Situation, in der sich Schulbibliotheken oft entwickeln. Meist entstehen sie als Initiative einzelner engagierter LehrerInnen, Eltern oder ErzieherInnen. Die Aktiven haben zwar in der Regel eine gute Vorstellung von den Zielen, die sie mit einer Schulbibliothek erreichen möchten. Über eine bibliothekarische Ausbildung verfügen sie jedoch in den seltensten Fällen, sodass sie sich mühevoll in den Aufbau und den Betrieb einer Bibliothek einarbeiten müssen. Das führt oft dazu, dass mit immensem Aufwand völlig neue Lösungen für die Aufstellung, die Systematik und die Verbuchung entwickelt werden, ohne bereits vorhandene fachliche Standards zu nutzen. Anstatt auf das Wissen professioneller BibliothekarInnen zurückzugreifen, wird hier das Rad neu erfunden. Ein funktionierendes Unterstützungssystem könnte Schulbibliotheken helfen, effektiv und erfolgreich ihre eigentlichen Ziele an der Schule zu erreichen.

Workshop zum Thema „Schulbibliothekarische Dienstleistungen für die Schulen Berlins“

Um zunächst abschätzen zu können, wie groß der Unterstützungsbedarf ist, organisierte die Expertengruppe „Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA)“ im Februar 2012 einen Workshop, zu dem VertreterInnen aus den Schulen, aus den Schulbibliotheken, der Senatsschulverwaltung und den Öffentlichen Bibliotheken Berlins eingeladen wurden. Drei zentrale Fragen wurden auf der sehr erfolgreichen Veranstaltung diskutiert:

  • Was zeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Schulbibliothek aus?
  • Welchen Service wünschen Sie sich von einer zentralen „Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle“?
  • Wie soll die Zusammenarbeit zwischen Schule und „Schulbibliothekarischer Arbeitsstelle“ am besten gestaltet werden?

SchulleiterInnen, LehrerInnen, LesepädagogInnen, Aktive aus den Schulbibliotheken, MitarbeiterInnen der SenBJW und BibliothekarInnen aus den Öffentlichen Bibliotheken erarbeiteten in einer sehr konstruktiven Atmosphäre gemeinsame Positionen zu den genannten Problemkreisen. Hier sind die Ergebnisse:

Eine gute Schulbibliothek ist an folgenden fünf Punkten zu erkennen:
  1. Integration nach innen – Die Schulbibliothek unterstützt als integraler Bestandteil der Schulen den Unterricht. Die konkreten Ziele werden im Schulprogramm festgeschrieben.
  2. Vernetzung nach außen – Die Schulbibliothek arbeitetet mit anderen Schulbibliotheken, mit den ÖBs, mit sozialen Einrichtungen, Eltern, Ehrenamtlichen und Schulbibliotheksorganisationen zusammen.
  3. Geeignete Räume und Infrastruktur – Die Schulbibliothek ist multifunktional und dient als Lernort, kulturelles Zentrum und als Aufenthaltsraum in der freien Zeit.
  4. Verlässliche Öffnungszeiten – Die Schulbibliothek ist während der Unterrichtszeit nutzbar – aber auch (besonders für Ganztagsschulen) während der unterrichtsfreien Zeit.
  5. Multifunktionales Angebot – Die Schulbibliothek bietet sowohl ein vielfältiges Medienangebot (Lehrmittel, Fachliteratur für den Unterricht, Klassensätze, aktuelle Medien) als auch Unterrichtsbetreuung, Beratung und Leseförderung an.
Die gewünschten Dienstleistungen einer SBA Berlin lassen sich wie folgt gruppieren:
  1. Zentraler Support – gemeinsame Programme und Aktionen, IT-Ressourcen, Muster-Projektanträge, Herausgabe von Materialien, Organisation eines Personalpools
  2. Bereitstellung von Medien / Lizenzen / Datenbanken – Listenbestellungen, Einkauf, Erfassung/Systematisierung, Bücherkisten, Handapparate, Transport, einheitlicher OPAC und e-Learning-Plattform
  3. Fachliche Unterstützung – Beratung, Bestandsempfehlungen, Erfassung, Katalogisierung und Systematisierung, Lehrer-/Schüler-Hotline, Entwicklung von Unterrichtskonzepten
  4. Fortbildung für Schüler, Lehrer, Ehrenamtliche und Eltern – kontinuierliche Fortbildung in Bezug auf Methoden der Sprach- und Leseförderung, Medien- und Informationskompetenz
Für die Gestaltung der Zusammenarbeit wünschen sich die TeilnehmerInnen folgende Maßnahmen:
  1. Die Schulen sollen darauf hinwirken, dass eine Fachkräfteausbildung Medien-/Literaturpädagogik und eine berufsbegleitende Ausbildung für Erzieher eingerichtet wird.
  2. Die SBA soll zunächst als Projektmaßnahme auf Landesebene aufgebaut (1 bis 3 Jahre), um dann als Regelbetrieb in der ZLB integriert zu werden.
  3. Die SBA soll ihren Service kaskadierend anbieten und sowohl ÖB-Einrichtungen, die Schulen betreuen, als auch SBA im Bezirk und die Schulbibliotheken direkt unterstützen.

Ein bereits funktionierendes Unterstützungssystem für Schulbibliotheken wurde den TeilnehmerInnen des Workshops von Frau Eva von Jordan-Bonin in ihrem Vortrag über die Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle von Frankfurt am Main vorgestellt. Die 1974 gegründete Frankfurter SBA betreut z.Z. 90 Schulbibliotheken und leitet mit 15 Personalstellen 350 LehrerInnen, Honorarkräfte, Ehrenamtliche und 1-Euro-Kräfte an. Viele Schulbibliotheken arbeiten in Frankfurt mit der selben Software, verwenden die gleiche Systematik und können ihren Bestand über einen OPAC zur Verfügung stellen. Sie bekommen ihre Medien ausleihfertig geliefert, können auf fertige Materialien und regelmäßige Schulungen zurückgreifen. Eine spürbare Entlastung des Bibliotheksteams ist die Folge, sodass mehr Zeit für die eigentliche Arbeit mit den SchülerInnen bleibt. Gleichzeitig wird so gesichert, dass bibliotheksfachliche Mindeststandards eingehalten werden, bei Problemen jederzeit Ansprechpartner kontaktiert werden können und eine starke Vernetzung der Schulbibliotheken innerhalb der Stadt vorhanden ist.

Die Dienstleistungen der SBA Frankfurt am Main, da waren sich die Workshop-TeilnehmerInnen einig, gelten als Maßstab für die Berliner Schulen.

Ausblick

Die Leiterin der Expertengruppe „Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle (SBA)“, Frau Dr. Hardtke-Flodell, ist bzgl. der Realisierung des Projektes zuversichtlich. In Gesprächen mit den Senatsverwaltungen für Bildung und Kultur traf sie auf Interesse und Unterstützung. Auch Absprachen mit den Verantwortlichen des IT-Bereiches im Senat gab es. Probleme betreffen vor allem die Finanzierbarkeit des Projektes. Möglicherweise könnte es eine Förderung durch EU-Mittel geben.

Die AG Schulbibliotheken in Berlin und Brandenburg unterstützt die Bemühungen um die Schaffung einer zentralen Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle in Berlin. Nationale und internationale Erfahrungen u.a. aus Hessen, den skandinavischen Ländern und aus Südtirol belegen, dass es vor allem struktureller Veränderungen bedarf, um Schulbibliotheken aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Wie viel erreicht werden kann, wenn sich Schulverwaltung, Politik und BibliothekarInnen für Schulbibliotheken engagieren, zeigt nicht zuletzt die Arbeit der schon existierenden Schulbibliothekarischen Arbeitsstelle in Treptow-Köpenick.

2 Replies to “Ideen zur Schaffung zentraler Dienstleistungen für Berliner Schulbibliotheken”

  1. Dein Bericht motiviert mich, von Leipzig zu erzählen. Dort fand gerade der 3. Workshop zur Erarbeitung eines neuen Konzeptes für die Leipziger SBA statt.
    Die SBA ist Teil des Amtes für Jugend, Familie und Bildung, gehört also zur Schulverwaltung wie die SBA in Treptow-Köpenick.
    Die Workshops wurden vom Amtsleiter oder der Abteilungsleiterin Bildung geleitet.
    Zu den Teilnehmern zählen Schulleiter der verschiedenen Schulformen (Die sich vehement für ihre Schulbibliotheken einsetzen!), der Leiter des Medienpädagogischen Zentrums, Mitglieder des Stadtschülerrats und des Stadtelternrates sowie Vertreter der Parlamentsfraktionen.

    Ich war zum zweiten Mal in die Runde eingeladen worden und sollte dieses Mal von den Aktivitäten der „Selbsthilfegruppen“ AG Berlin-Brandenburg und LAG Hessen berichten. Außer mir war von außen auch Cora Ginzel, Leiterin der Mediathek der Steinwaldschule Neukirchen/Hessen eingeladen worden (Preisträger „Schulbibliothek des Jahres 2011).

    Ausgangspunkt war ein Auftrag des Leipziger Stadtparlaments. Die SBA ist jetzt deutlich aufgewertet worden, hat einen Stadtparlamentsbeschluss als Arbeitsgrundlage und hat eine dritte Mitarbeiterin bekommen. Das Parlament bewilligt kontinuierlich einige Haushaltsmittel. Schulbibliotheken werden nach und nach renoviert. Die SBA organisiert den Betrieb mit Hilfe von 57 Mitarbeiter/-innen, die aus dem Projekt „Bürgerarbeit“ finanziert werden.

    Die Aufbruchstimmung wird stark getrübt durch die Aussicht, dass 2014 alle Beschäftigungsmaßnahmen aus der „Bürgerarbeit“ auslaufen und die Chance auf eine nachhaltige personelle Lösung nicht in Sicht ist.

    Die Teilnehmergruppe soll als eine Art Beirat beibehalten werden und über ihre Kommunikationskanäle (Elternschaft, Schulleiterverbände, Parteien) das Thema in die Kommunal- und die Bildungspolitik tragen.

    Der SBA habe ich u. a. vorgeschlagen, Kontakt zu Simone Frübing, SBA Treptow-Köpenick aufzunehmen.

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